Freitag, 6. Juli 2007

Auf dem Highway No. 1 nach Süden



Bin wieder zurück! Hier mein Bericht.

Die BMW hat fast 1200 Kubik Hubraum und ist damit fast doppelt so kräftig wie meine Transalp. Gemietet bei Dubbelju Motorcycle Rentals. Wolfang, der Inhaber ist ein sehr hilfsbereiter und offener Stuttgarter in meinem Alter, der vor 16 Jahren sein Geschäft in S.F. aufgemacht hat (www.dubbelju.com).

Dienstag, 03. Juli: Fahrt bis Monterey
Hinter der Stadtgrenze in Richtung Süden finde ich auf Anhieb die Zufahrt zu dem legendären Highway No. 1. Die Pazific-Küste liegt in dichtem Nebel. Meine Knie sind kalt. Ich halte an einem Aussichtspunkt, an dem man heute nicht viel sieht, binde mein gelbes Halstuch um und ziehe den Reißverschluss meiner Jacke zu.

In dem Moment wird mir bewusst: mein Traum erfüllt sich! Ich fahre den Highway No. 1 die amerikanische Westküste runter nach Süden.

Das ist ein Film, der lange vor meinem inneren Auge abgelaufen ist. Ein schönes und starkes Gefühl, den eigenen Film gewissermaßen zum Leben zu erwecken. Und bestimmt eine Erfahrung, die über diesen bloßen Glücksmoment hinaus etwas in mir verändern wird. Ich denke, es hat etwas mit Kraft und persönlicher Energie zu tun. Das eigene Leben in die Hand zu nehmen, statt sich "vom Schicksal herumschieben" zu lassen - darum geht es glaube ich. - Wird mich noch eine Weile beschäftigen...

Drei Stunden später, kurz vor Monterey, wo Steinbeck seinen Roman „Die Straße der Ölsardinen“ schrieb, halte ich an einem Roadhouse an und esse thailändische Nudeln. Der Ort heißt Santa Cruz. Mein Tischnachbar, ein tätowierter Typ in den 40ern spricht mich an, und wir reden über das scharfe Essen. Schön!
Ich fahre weiter. Inzwischen knallt die Sonne. US-Biker grüßen sich übrigens, wie die Biker in Europa.

Um fünf nachmittags komme ich in Monterey an, checke in meinem Motel für die Nacht ein. Sehe ein paar Jungs am Hafen beim Angeln zu. Finde dann einen einfachen Fisch-Imbiss. Esse für wenige Dollar Calamari mit Fritten, schreib dabei Tagebuch. Bin nett zu der Kellnerin, kriege dafür ein Lächeln.


Mittwoch, 04. Juli: An der Felstküste von Big Sur
Aufbruch für die letzten anderthalb Stunden nach Big Sur. Der Nebel über der schroff abfallenden Felsküste ist so dicht, dass ich die Brücken nicht mal sehe, über die ich fahre. Bix Bridge z.B. steht 200 m tief auf Stelzen in einem Canyon. Nichts davon zu sehen!

Mitten im Nebel blinkt plötzlich meine Tankleuchte gelb auf: nur noch eine halbe Gallone Benzin! Ich seh am Straßenrand einen Harley-Fahrer, halte an und frage ihn nach der nächsten Tankstelle. Er rät mir umzukehren nach Monterey. Big Sur sei unsicher, was Benzin angeht. „Ride save!“, ruft er mir hinterher.

Beim zweiten Anlauf reißt der Himmel auf. Nebeltücher stürzen in die Tiefe. Extremer Wind! Ein Natur-Schauspiel. Und da, wo der Himmel kurz blau wird, sehe ich über viele, viele Meilen die zerklüftete, legendäre Westküste von Big Sur. Da steht Kreta doch ein Stückchen zurück. So schön, wie Kreta ist.

Esalen
Was mich auf dem Esalen-Gelände sofort gefangen nimmt, ist der Blick von hieraus auf den Pazifik. Der Nebel hat sich komplett verzogen. Und unterhalb des Seminarhauses liegt eine saftige grüne Wiese wie eine natürliche Terrasse überm Ozean und gibt dem Blick etwas Festliches.

„Esalen – America and the Religion of No Religion“ lautet der Titel eines gerade erschienenen Buchs über die Geschichte von Esalen, die ich in der Bücherei im Seminarhaus finde. Der Bogen spannt sich über 50 Jahre, von Henry Miller und Aldous Huxley, über Freud und Fritz Perls, dem Erfinder der Gestalttherapie, bis zu zen-buddhistischem Gedankengut in der neueren Zeit.

Draußen toben Kinder übers Gelände, Paare flanieren und schauen aufs Meer. Grüppchen „weiser Frauen" mit bunten Kleidern lachen zusammen. Eine sehr lebendige und sehr gelöste, meditative Atmosphäre!

Das International Arts Festival 2007
Dann beginnt die Parade. Amerika und seine Umzüge - selbst in Esalen nicht zu stoppen! Vier junge mexikanische Tänzerinnen in gelb-rot-grünen Trachten führen den Zug an. Es folgen die Trommler. Hinter ihnen verkleidete Kinder mit japanischen Sonnenschirmen. Ein dürrer Afrikaner in weißem Gewand und schwarzem Zylinder führt die Kinder an und bläst im Rhythmus zu den Trommeln auf der Trillerpfeile. Irre! Der Zug umkreist die Festwiese mehrmals.

Wir sitzen auf Decken vor der Bühne. Die afrikanischen und amerikanischen Bands spielen bis zum Sonnenuntergang. Sie beziehen uns ein. Eine 60-Jährige baggert mich an, stellt sich als Rechtsanwältin vor. Sie geht mir auf den Zeiger, als sie mich überreden will, sie für "schöne Stunden" in ihren Villen in Idaho, San Diego oder Mexiko zu besuchen. Ich finde leider den Absprung etwas spät.

Bevor ich aufbreche, begleitet ein weißer Musiker gerade eine schwarze Soul-Sängerin auf seiner Stahlseiten-Guitarre. Er holt aus seinem Instrument so unglaubliche Klänge! Ich bin völlig begeistert!

Ich fahre in der glutroten Dämmerung ein paar Meilen die Küstenstraße wieder nach Norden. Frage einen Freak an einer Tankstelle nach Fernwood-Camping und krieche – nach einem Heineken und einem Snickers – in mein gemietetes Zelt mit Schlafsack.

Donnerstag, 05. Juli: Kurvenfahren im Redwood-Forest
Rückfahrt nach San Francisco Donnerstag früh. Die Tour führt diesmal durchs Landesinnere, fünf Stunden durch die heißen Santa Cruz Mountains. Ich fahre enge Serpentinen durch hohe Redwood-Wälder! Treffe einen Honda-Fahrer und fahre mit ihm eine Stunde gemeinsam kurvige Straßen, herrlich!

Kurz vor San Francisco sticht mich eine Biene in die linke Augenbraue.
Zur Zeit seh ich aus, als hätt ich auf der Mission-Street einen "Fight" gehabt.

Album: Big Sur und Esalen

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Frank, vielen Dank für Deine Bilder. Mich erinnert das alles an Sommer, an das weite Meer und warme Tage, relaxed und gut. Hier regnet es seit Tagen (?), ich nehme es schon nicht mehr wahr.
Eine Frage:
Was kostet der Lebensunterhalt? Ne Tasse Kaffee? Liter Milch? Wie ist das - gehst Du in Supermarkets zum Einkaufen? Was kaufst Du? Machst Du Frühstück selber? Wenn ja: was? Und wie teuer sind die Sachen so?
Das interessiert mich wirklich. Wahrscheinlich regnet es mir schon in den Schädel (...der stete Tropfen wirkt ja Wunder).

Beste Grüße aus dem Herbst
Hartmut

Frank hat gesagt…

Hallo Hartmut,
über Wetter redet man bekanntlich nur, wenn's schlecht ist. Wir können hier nicht klagen.
Das Leben hier ist teuer für mich. Ein normaler Angestellter in der IT-Branche z.B. verdient aber auch mehr als in Germany: 5.000 EUR/Monat in jedem Fall.
Der billigste Starbuck-Kaffee(Plürre ohne Extras): $ 1.70
Ein Pfund gemalener Kaffee: $ 9.00
Ich gehe einmal die Woche zur nächsten Mall. 45 Min. Fußmarsch mit Tüten. Wenn ich nach Bremen zurückkomme, bin ich pleite und werde erstmal nur arbeiten müssen...

Beste Grüße in die Humboldtstraße!
Frank