John und ich sind uns jetzt einig, dass ich auch im Juli hier wohnen bleibe.
Seit gestern schwimme ich – statt 1000 Meter – eine Meile. 1 mile entspricht ca. 1,6 km. Möglicherweise ein Anzeichen für die schleichende Amerikanisierung meiner Lebensgewohnheiten?
Im Internet finde ich: Beckenlänge Mission-Pool 100 feet. Bevor ich das in Meter umgerechnet habe und dann von Meter in Anzahl zu schwimmender Bahnen, schwimme ich lieber gleich eine Meile. Das sind 59 Bahnen, sagt der Bademeister, ein junger Philippino, der den Pool hier straff aber freundlich führt.
A good sense of humour
Vor ein paar Tagen spricht mich im Wasser ein Amerikaner in den 40ern an: „Wie viel Bahnen werden wohl eine Meile sein?“- Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht gefragt und wir kamen ins Rechnen. Er sagt, dass sein Land das letzte sei, das noch nicht auf das Dezimalsystem umgestellt habe, mühsam die internationale Umrechnerei mit feet, pound, inch und gallions. „Aber ich bin sicher, wir beide können uns hier im Becken wenigstens einigen, wer jetzt gleich zuerst schwimmt.“ - Das ist das, was sie hier in Wohnungsanzeigen „a good sence of humour“ nennen! Ein netter Typ.
Ein zweiter Schwimmgenosse ist genauso sympathisch, aber scheu. Ich spreche ihn jeden Tag an, er wechselt zwei, drei Sätze mit mir. Dann verabschiedet er sich schnell. Er ist sehr ernst. Sagt, er schwimme hier, weil er damit Spannungen abbaue.
Ein braungebrannter, muskulöser 60er liest immer zuerst die Zeitung, schwimmt dann eine Meile. Ich grüße ihn jeden Tag. Heute kuckt er konzentriert nach unten, als ich aus dem Pool komme und grüße. Ist okay. Wer weiß, was er verhandelt. Vielleicht denkt diesmal er, ich sei schwul…
Jim - zweiter Bademeister in Mission
Gestern hab ich den zweiten Bademeister(lifeguard) angesprochen. Daraus wurde ein halbstündiges Gespräch am Beckenrand in Mission. Jim ist vermutlich ein Alt-Hippie, in meinem Alter, könnte im Steintor leben. Ein Bademeister mit ideologischem Überbau. Mit ihm konnte ich wunderbar über die philosophischen und psychoanalytischen Aspekte der Hydrophilie (Wasserbegeisterung) in Abhängigkeit zu pränatalen Erfahrungen sprechen. In meinen einfachen Worten, aber immerhin :-)
Als ich auf dem Heimweg ein Holzhaus fotografiere, spricht hinter mir eine Frau wie mit einem Kind. Ich dreh mich um und sehe eine Endfünfzigerin im Gespräch mit einer Taube, die ganz nah bei ihr auf dem Fußweg pickt.
My first night out for dinner
Sie spricht mich an. Wir sprechen über die Taube, die einen Namen hat. Hier wohne ich, sagt sie, zeigt auf das Haus hinter sich und lädt mich ein, um 6 p.m. um die Ecke mit ihr und Freundinnen zu Abend zu essen. Ich sage: Vielleicht.
Um halb sieben gestern Abend kreuze ich dort im Lokal auf, aber sie ist nicht da. Ich überlege kurz, bin immerhin 45 Minuten unterwegs gewesen. Ich gehe zu ihrem Haus und klingele. Sie macht auf, wundert sich kurz, ich sage, ich bin zu spät, hab etwas gezögert zu kommen, sie sagt: Du bist nicht zu spät, komm rein! Dann fangen wir ein Dreier-Gespräch mit der Katze an, die mich angeblich mag. Gut, wenn man Frauen und solche Sätze kennt! Nach 5 Minuten klingelt das Telefon. Sie telefoniert 20 min und sagt, ich solle mich mit der Katze bekannt machen. Nach 20 Minuten klingelt es an der Tür. Ein vielleicht 60 jähriger Mexikaner kommt rein, wir machen uns bekannt - und reden. Jeanny (so heißt sie) telefoniert seelenruhig weiter. Carlos, der Mexikaner sagt: mich hat sie für 7 Uhr bestellt, was machst Du hier? Ich sage, mich hat sie für 6 bestellt. Wir lachen und reden über Gott und die Welt – irgendwann auch über Therapie, und dass wir beide Erfahrung haben (er hat für die Telefongesellschaft Kabel verlegt).
Schottischer Volkstanz in S.F. - why not?
Die Tür klingelt ein zweites Mal: diesmal kommt eine weißhaarige zarte Frau rein, setzt sich zu uns. Wir beziehen sie ein, sie kommt gerade vom schottischen Volkstanz. Dann hört Jeanny auf zu telefonieren, und es klingelt ein drittes Mal. Marius kommt, ebenfalls um die 60. Jeanny stellt mich mehr nebenbei als "ihr deutscher Freund" vor und wir beschließen in ein mexikanisches Restaurant zu gehen.
Wir essen beim Inder auf der Valencia Street. Ich rede lange mit Joice, der Weißhaarigen, die jetzt auch mit Analphabeten in S.F. arbeiten will, dann in der ganzen Runde über Angela Merkel (Miss Mörkel!), die sie als verkrampft und streng empfinden, sie fragen mich nach meiner politischen Einschätzung. Themen ohne Ende.
Um 10 p.m. tauschen wir Telefonnummern. Ein schöner Abend.
In Castro steige ich in den Bus, der ist proppenvoll. Freitagnacht-Flimmern! Die Mädels sind hübsch, die guys fühlen sich gut! Downtown ist ein Lichtermeer. Und alle sind unterwegs, jemanden zu treffen oder zu finden.

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