Freitagabend vor Gay and Lesbian Pride Day in San Francisco! 300.000 Menschen sammeln sich, reisen an aus Houston, Los Angeles, Seattle, halb USA... Die Busse und Muni-Trains quillen über.
Um 19:30 stehe ich vor der Davies Symphony Hall in Downtown. Mache ein paar Aufnahmen, stelle mich dann in die Schlange an der Kasse und hole meine vorbestellte Karte ab.
Ein Blick in die Runde im Foyer: sehr normale Leute. In meiner Reihe auf dem Balkon: ein scharzhaariger, etwa 60-jähriger Latino, schwarzes Jacket, darunter schwarzes offen stehendes Hemd, schwarze Hose. Seine Begleiterin auch etwa 60, Amerikanerin, große braune lebhafte Augen. Ihr kräftiges, wellig-graues Haar reicht bis über die Hüften. Daneben ein weißhaariger Mann im Anzug und Krawatte, vielleicht ein Professor? Und ein weiterer Mann im Anzug, gleiches Alter. Die vier sind befreundet. Lachen mich breit und freundlich an, als ich meinen Platz einnehme. Auf dem Nachbarbalkon drei Männer in ihren Zwanzigern in blauen und roten T-Shirts mit Sprüchen drauf.
San Francisco ist nicht Düsseldorf und nicht München, wo sich Smoking an Smoking reiht. Hier geht alles munter durcheinander. Beruhigend. Erst mal durchatmen. Der Blick aufs Orchester ist gut.
Auf dem Programm stehen: Sergej Prokofiev’s 1. und 5. Klavierkonzert und zwei weitere Orchesterstücke von ihm, die ich nicht kenne. Die Solisten sind Russen: Ilya Yakushev (Sankt Petersburg) und Mikhail Rudy (Ukraine).
Schon nach wenigen Minuten des ersten Konzerts fliegen meine Gedanken über den Tag. Eine Mail an Peter, die Arbeit am Schreibtisch…
„Peter und der Wolf“ war mein erstes Stück von Prokofiev, das ich mit vielleicht zwölf gehört habe. – Mit „Peter und der Wolf“ konnte man richtig gut die doch ähnlichen Klänge der verschiedenen Orchester-Instrumente auseinander halten lernen. Das tiefe Fagott stand z.B. für den Wolf. - Was sonst wie Eintopf klang, wurde in dem musikalischen Märchen fürs ungeübte Ohr hörbar: die Orchestermusiker spielten einzeln nacheinander, statt alle zur gleichen Zeit. Zwischendurch sprach ein Schauspieler auf der Bühne knappe Texte: ein Märchen.
Und das macht Prokofiev aus. Ist mir heute Abend übrigens erst klar geworden! Mit Klängen baut Prokofiev Welten: die Holzbläser-Welt, die Blechbläser-Welt, die Welt der tiefen Streichinstrumente, Bässe und Celli, die Welt des Trommelwirbels und Beckenklirrens, die Welten des Xylophons und der Harve. Die brillante Klangwelt des Klaviers. Prokofiev soll übrigens sein ganzes Leben nicht einen einzigen Tag ohne ein Piano verbracht haben.
Und Klangwelten folgen allmählich Bilderwelten. Welten – vielleicht wie die Distrikte dieser Stadt: eine einsame Oboe für die Straßen von Russian Hill, schrille Trompeten für die Feuerwehr auf Telegraph Hill, struppige Violinen für das Leben in den Straßen von Mission...
Im Bus nach Hause sitzen fünf Leute mir gegenüber: eine rothaarige Frau um die 60, amputiert, nackter Armstumpf. Ihr raues lautes Lachen erinnert mich an Friderun. Neben ihr eine ältere, füllige Frau mit breiten weichen Lippen und einer großen Brust, beide offenbar befreundet. Daneben ein zarter Mann mit weißem Haar, schaut in eine Zeitung, vielleicht ein Künstler. Daneben eine Frau in den 40ern, mit roten nach hinten gebunden Haaren, einem schönen Gesicht, rotem Pulli, Rock und roten Pumps, in ein Buch vertieft. Neben ihr eine vielleicht 70jährige Frau, struppiges graues Haar, mit großen offenen braunen Augen, großer Nase und einer langen Kette mit goldenen und blauen Holzkugeln. Sie schaut die andern Leute neugierig an: eine Psychoanalytikerin?
(Nachtrag vom 23.06.) Alles richtige, sympathische Menschen! Gesichter mit Geschichten, die ich gern kennen würde! - Ich fühlte mich gestern Abend sehr allein.
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| Album: San Francisco Symphony |


6 Kommentare:
Hey, ich finde du erlebst echt unendlich viel und berichtest sehr strukturiert und ausführlich über das Geschehene. Allerdings interessiert es die Leute hier denke ich weniger, wie die einzelnen Personen aussehen bzw. was sie äußerlich ausmacht, als viel mehr dein eigenes Wohlbefinden. Wie geht es dir, was bedeuten diese Erfahrungen für dich usw. und so fort !?
Ich denke du verstehst was ich meine, dein Rob :)
Hey, son,
ich verstehe was du meinst, ja.
Danke Dein Mitdenken und -fühlen!
Ich glaube der Punkt ist: in den ersten zwei Wochen kam viel Begeisterung rüber. Zur Zeit hätt ich einfach gerne mehr Anschluss. Mein Gefühl: es dauert nicht mehr lang, dann geht irgendwas...
Love
Papa
P.S. Ich versuche, weniger systematisch zu schreiben :-)
Hey,
Ja das ist absolut nachvollziehbar. Die erste Zeit überwältigt natürlich einfach. War auch kein Vorwurf aber wie gesagt, manchmal fragt man sich einfach "wie geht es ihm gerade?".
Ich war heute bei Sebi. Es war einfach total geil. Er ist ja heute morgen wiedergekommen und ist einfach immernoch der Alte. Man war sofort wieder total auf einer Wellenlänge. Es ist einfach total gut zu wissen, dass der beste Freund wieder im Lande ist :)
Achja aber äußerlich hat Sebi sich verändert. Er hat nun Dread Locks bekommen. Hoffe du weisst etwas damit anzufangen aber das denke ich mal schon :) Rastamäßig. Sieht echt cool aus :)
Gut, ich leg mich nun mal hin,
Machs gut,
Dein Rob
ISSE PÄCKCHEN DA???
Frank, ich finde das klase, wie du alles beschreibst. schreib einfach weiter. großartig. ich sehe die leute vor mir und denke mir meinen teil. danke dafür, ehrlich: danke!
hartmut
Die Faszination des Neuen fällt langsam ab. Du kommst in einem Alltag an, auch wenn der jetzt in San Francisco stattfindet.
Mich hat kein Satz so berührt wie dieser : gestern hab ich mich sehr allein gefühlt.Ich hab das Gefühl : jetzt wird es haarig. jetzt wird es schwer das Dasein auszuhalten... und zu dieser Schwierigkeit zu stehen. Ich wünsche Dir Mut und Kraft Neues zu wagen.
gruß DORIS
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